Jochen Reinecke
Geister Abschütteln
109 B 9R1
ISBN 978 3 941936 00 3
Reinecke

Auszug: Geister Abschütteln

EINS

Manche Dinge müssen einfach getan werden.
Sie fangen als fixe Idee irgendwo an, als kleiner Gedanke, gefasst bei einem fröhlichen Abendessen. Der Gedanke belegt anfangs vielleicht ein Millionstel Quadratmillimeter Gehirnfläche, spukt nur wie ein Funke dort herum. Doch über die Monate fängt er an zu wachsen und zu glitzern, sich auszubreiten, Form anzunehmen, konkret zu werden, und dann muss er eines Tages schnell in die Tat umgesetzt werden, bevor er schal wird.
Carl war genau an diesem Punkt angekommen, dem Punkt an dem es losgehen mußte. Irgend etwas in seiner Seele drohte gerade überreif zu werden, sein Leben war eine kleine Spur zu unkompliziert geworden. Zwei Jahre zuvor hatte er geheiratet, glücklich geheiratet, es lief alles auf Kufen; die gemeinsame Tochter entwickelte sich prächtig. Er arbeitete in guter Position in einem der wenigen Internet-Unternehmen, die die Krise am Neuen Markt überlebt hatten und saß tagein tagaus zu außerordentlich geregelten Zeiten in einem nach ergonomischen Gesichtspunkten gestalteten Büro herum, klickte mit dem Mauszeiger auf Symbole und telefonierte. Sagen wir der Einfachheit halber, es handelte sich um eine Verkaufstätigkeit.
Die Tätigkeit führte ihn mindestens drei Mal monatlich von Berlin nach Hamburg. Er hatte sich das insgesamt ganz erträglich eingerichtet, legte seine Termine in Hamburg auf 12.30 Uhr, was ihm erlaubte bis neun Uhr zu schlafen, kommod gegen zehn am Zoologischen Garten den ICE zu besteigen, um pünktlich und von keinem einzigen Zwischenstopp gestört Schlag zwölf Uhr in Hamburg anzukommen. Fast immer hatte er mit Verlagshäusern zu tun, ein kleiner Fußmarsch brachte ihn zu seinem Geschäftstreffen, welches nach einer knappen Stunde zumeist erfolgreich beendet war, es schloss sich ein ausgedehnter Caféaufenthalt an, man plauderte bei Lachsbagels, Pago-Säften und Espresso macchiato mit seinen Geschäftspartnern ein wenig über die Rezession, und wenn alles lief wie es laufen sollte, konnte er wieder um 16 Uhr den Zug nach Berlin besteigen, um halb sieben zu Hause einzutreffen, wo Frau und Tochter ihm freudig entgegenhüpften.
Wer so häufig Bahn fährt, hat viel Gelegenheit aus dem Fenster zu sehen. Carl tat das gerne, sehr gerne. Aus dem Fenster hinaus sehen und dabei Musik aus dem Walkman hören. Er hatte stets eine große Auswahl an Tonträgern dabei, um abhängig von Wetter- und Gemütslage das am Fenster vorbeiziehende Panorama passend untermalen zu können. Schien die Sonne und hatte er gut geschlafen, womöglich schon vor der Abfahrt in der Wartehalle des Bahnhof Zoo beim Segafredo-Stand einen stärkenden Espresso genossen, dann hörte er fröhliche Soul-Musik. Bill Withers, Arrested Development, alles was gute Laune erzeugte und ihn mit dem Fuß wippen ließ. War die Nacht hingegen kurz gewesen und regnete es dazu noch draußen, hörte er lieber sedierende Musik, wie Radioheads musikgewordenen Fieberwahn Kid A zum Beispiel.
Die Orte, an denen der ICE vorbeirast, zeigen dem Bahnfahrer immer ihre Rückseite, sehr oft sogar den Hintern. Carl sah schmuddelige vollgemüllte Schrebergärten, längst stillgelegte Regionalbahnhöfe, Autowracks, verrottende Gleisanlagen und vereinzelt auch verblichene Propagandasprüche aus DDR-Zeiten.
Besonders angetan hatte es Carl der Satz "Berlin ruft die Jugend", der in ausgeblichenen Lettern das Vordach eines alten Getreidespeichers irgendwo mitten in der Prignitz zierte. Auch hatten diese Orte Namen, die in Carls Ohren merkwürdig klangen. Die Bahnhöfe waren winzig, hatten meist nur ein einziges Ortsschild und man musste sich bei der schnellen Durchfahrt Mühe geben, dieses Schild überhaupt entziffern zu können. Musste wie ein Fotograf, der ein sich bewegendes Objekt einfangen will, seinen Kopf mitdrehen. Brieselang, Nauen, Paulinenaue, oder Glöwen hießen diese Ortschaften und Carl fragte sich immer wieder, wie es dort zugehen mochte. Er war ja durch den ICE nachgerade galvanisch entkoppelt von der Realität.
Dann und wann sah Carl entlang der Bahntrasse, mitten auf einem Feld oder einer Lichtung, einzelne Autos stehen; in diesen Autos saßen Männer, die auf die Gleise schauten. Carl war sich ziemlich sicher, dass dies Mitarbeiter des Bundesgrenzschutzes waren, die neuralgische Punkte der Bahnstrecke bewachten, um Anschläge zu verhindern. Carl war sich sicher, dass es um die allgemeine Sicherheit in Deutschland weitaus schlechter bestellt war, als der überwiegende Teil der Bevölkerung so glaubte.
Carl kam das alles wie eine Welt in der Welt vor, wie eine von diesen mit Wasser und künstlichen Schneeflocken gefüllten Plexiglaskugeln, die man schütteln musste um dann langsam die Schneeflocken heruntersinken sehen zu können.
Er wollte sich das alles einmal aus der Nähe anschauen. Wollte quasi in die Plexiglaskugel hinein. Es ärgerte ihn, dass seine Freunde Urlaub in Tibet, Ägypten oder Thailand machten, wo es doch in allernächster Umgebung so viel zu sehen gab.
Carl wollte eben nicht mit dem ICE überall nur vorbeidonnern, sondern sich jedem Ort gebührend mit einem RegionalExpress, mit ohrenbetäubend quietschenden Bremsen nähern und aussteigen, Halt machen, womöglich gerade in solch einem Ort abends ein Bier zischen und in einer bescheidenen Pension nächtigen. Es sollte dies keine Bildungsreise werden, kein Erfragen und Abhaken von Fakten. Es ging ihm darum, ganz bewusst nur herumstromernd ein kleines bisschen von dem dort herrschenden Lebensgefühl aufsaugen. Schauen, wie es um Deutschland stand. Soweit das überhaupt möglich war.

Hatte diese Reise einen Sinn? War sie der Menschheit dienlich? Nein. Vielleicht gefiel Carl die Idee gerade deshalb so gut. Im trüben Schein seiner Schreibtischlampe saß er jetzt abends immer öfter vor dem Bildschirm und ließ sich Bahnverbindungen zeigen. Schaute in den Gelben Seiten nach, welcher der Orte überhaupt über Pensionen oder gar ein Hotel verfügte.
Und wie eingangs schon gesagt, eines Abends war der Punkt gekommen, wo sich alles fügte. Carl hatte zehn Tage Zeit und reihte neun Orte entlang der Strecke Berlin-Hamburg auf eine imaginäre Perlenschnur. Brieselang, Nauen, Neustadt an der Dosse, Wittenberge, Karstädt, Ludwigslust, Hagenow, Boizenburg, Hamburg. Er musste nur noch packen und losfahren. Tapetenwechsel.
Doch lassen wir ihn vielleicht selber erzählen.

 

ZWEI

Also, es fängt damit an, dass ich beim Nordsee-Imbiss im Bahnhof Zoologischer Garten stehe und ein nicht näher bezeichnetes Bier aus einem Pappbecher trinke. Gerade eben habe ich die neue Kreation des Hauses Nordsee verdrückt, es handelt sich um eine der englischen Proletarierspeise Fish and Chips nachempfundene Mischung aus fettigen halbrunden Pommes Frites und nuggetähnlichen Formfischstücken in einer Panade, all dies wird gereicht in einer wie eine Zeitung bedruckten Tüte, erstickt unter einer großzügig bemessenen Portion Standard-Nordsee-Remoulade. Man kann das aber auch mit Cocktail- oder Knoblauchsauce bekommen. Vor der Knoblauchsauce ist zu warnen, sie grüßt noch Tage später per Aufstoßen.
Mir ist ein bisschen unwohl bei dem Gedanken, die nächsten Tage hauptsächlich Restaurantkost einnehmen zu müssen. Nichts gegen Restaurants im Allgemeinen, aber dort, wo ich hinfahre, wird es wahrscheinlich meistens die sogenannte gutbürgerliche Küche geben, und das bedeutet Schnitzel, Schnitzel und noch mal Schnitzel. Meine einzige Hoffnung auf ein wenig gesunde Ernährung: Es ist Spargelzeit. Bei frischem Spargel kann man nun wirklich nicht viel falsch machen. Na, ich werde ja sehen.
Bahnhofsuhr und Armbanduhr sind sich einig: 18 Uhr, wir haben den Monat Mai, es ist ein angenehmer wolkenloser und ungewöhnlich warmer Frühlingsabend. Die Luft in der Bahnhofshalle wabert, es riecht nach menschlichen Ausdünstungen, Fisch, pappigen Brötchen und Espresso, denn nebenan gibt es einen leicht schäbigen Espresso-Ausschank, noch etwas weiter kann man auf einem Großbildschirm N-TV schauen, das sieht sehr bedeutsam aus, wegen der Börsenkurse, die als Laufband unten im Bild herumwitschen. Ein Mann von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz spricht von Marktbereinigung, steigenden Chancen für substanziell unterbewertete Unternehmen, und dem Aufschwung, den mutige Investoren jetzt mitnehmen sollten. Es ist gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass er das alles selber glaubt.
über der Treppe, die zu den Bahnsteigen führt, hängt die viel zu kleine Anzeigetafel. Die Buchstaben dieser Anzeigetafel klickern in einem fort. Die meisten Züge sind pünktlich, nur der Eurocity aus Prag ist schon über eine Stunde zu spät. Draußen vor der Bahnhofshalle der abgestandene Klangcocktail aus Taxihupen, Hundegebell, Tatütata und im Berliner Idiom vorgetragenen Gezänk. Auf dem Boden neben mir steht ein Rucksack. Mein Rucksack. Ausgerechnet ein Rucksack. Habe ich nicht immer gepredigt, dass Rucksäcke, ebenso wie Rucksacktouristen dumm und unnötig sind? Na, das war gestern. Jetzt, in dem Moment, wo ich mit Rucksack reise, ist das natürlich sofort wieder machbar, möglich, erlaubt, ja erforderlich. Wie soll ich sonst bitteschön alle meine Sachen unterbringen? Ich kann doch nicht mit einem Köfferchen durch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern reisen.
Ich schaue auf meine Liste. Brieselang heißt der erste Ort. Der Regionalexpress 38216 wird mich in 25 Minuten Fahrt dorthin bringen. Kaum vorzustellen, ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, wann ich zuletzt in einem Regionalexpress gesessen habe. Ich bin ein verwöhnter Sesselpuper. Trinke das Bier aus, lasse den Pappbecher stehen, nehme den unsäglich schweren Rucksack, der ehrlich gesagt jetzt schon etwas müffelt, er ist ja auch nicht ganz neu, und gehe die Treppen zu Gleis vier hoch. Da steht schon die Regionalbahn. Nebenan an Gleis drei wartet sprungbereit ein ICE. Der ICE-Sprinter, der ohne Halt in dreieinhalb Stunden von Berlin nach Frankfurt donnert. Männer in Anzügen, Frauen in Kostümen, die FAZ oder die SÜDDEUTSCHE im Anschlag erklimmen sie den majestätischen rot-weißen Zug, dessen Motoren sich schon mal warmstöhnen. Ich schaue durch das gewölbte schlangenkopfartige Fenster des vorderen Triebkopfs. Ein kleiner fast graziler Mann mit Magengeschwürgesicht und blauem Businesshemd sitzt im Cockpit, telefonierend. Der Hörer hat eine geringelte schwarze Schnur und sieht enorm stabil aus. Dass so ein zierlicher Mann so einen großen Zug fahren kann! Wer hier in diesen ICE einsteigt, wird sogleich umhüllt von ungleichmäßig verteilter Klimaanlagenluft, Parfum, Alpha-Männchen-Schweiß, Holzimitat und Halogenlicht. Wird vielleicht einen Abstecher ins sogenannte Bordrestaurant machen, um dort ein Radeberger und mikrogewelltes Convenience-Essen zu ordern. Wird den gelungenen Geschäftstag begießen, vielleicht aber auch den missratenen Deal. Wird per Durchsage vom Zugchef begrüßt und willkommen geheißen. Wird durch unwürdige Bahnhöfe wie Wolfsburg, Hildesheim oder Kassel/ Wilhelmshöhe einfach durchrauschen. Wird in der merkwürdig verspiegelten, schwer zu entziffernden rot leuchtenden Anzeigetafel an den Kopfenden der Waggons die aktuelle Geschwindigkeit ablesen, zum Beispiel 208 km/h.
Der ICE lockt. Ich könnte doch auch nach Frankfurt fahren. Thomas besuchen. Der würde sich bestimmt freuen. Wir würden in Bornheim Apfelwein trinken, viel Apfelwein. Zum Beispiel in der Eulenburg, dort gibt es einen einwandfreien Schoppen und rustikales Essen zu herzzerreißend niedrigen Preisen. Das wäre schon alles gemütlich.
Aber nein, für mich ist heute der Regionalexpress bestimmt. Ich steige ein.

 

DREI

Und das ist natürlich alles ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte fest mit einem alten Bahnwaggon gerechnet, mit unbequemen kunststoffüberzogenen braunen Sitzen, hatte gerechnet mit einer nicht regulierbaren Heizung, die abgestandenen Staub brät, hatte gerechnet mit großen Fenstern, die man mit roher Gewalt öffnen kann und aus denen man dann während der Fahrt seinen Kopf in den Wind halten könnte, so wie ich es halt von früher kannte. Früher war Bahn fahren doch so!
Von wegen.
Der Waggon ist nagelneu und blaugrau lackiert. An der Tür des oberen Abteils pappt ein wolkenförmiger Aufkleber mit der Aufschrift Reisen wie auf Wolke sieben - 1. Klasse Komfortbereich RE. Ich pralle zurück. Die untere Etage mit der zweiten Wagenklasse ist pragmatisch eingerichtet, hat einen Raucher- und einen Nichtraucherbereich, ist überdies vollklimatisiert, was ich nachgerade frech finde, und das unglaublichste sind die Lautsprecheransagen. Periodisch erklingt eine aufgezeichnete Damenstimme, der zu entnehmen ist, dass sich im Zug ein Snack- und Getränkeautomat befinde. Alkoholische Getränke spuckt dieser Automat nur aus, wenn man besondere Wertchips einwirft, die wiederum nur persönlich beim sogenannten Servicepersonal erworben werden können. Somit sind Minderjährige und Schwerstangetrunkene vom Bierdosenkaufen ausgeschlossen. Auch erklingt etwa eine Minute vor Erreichen jedes Bahnhofs eine von einem Synthesizer erzeugte volkstümliche Melodie in Dur, gefolgt von einer Stimme, die den jeweiligen Bahnhof ansagt. So modern hatte ich mir das alles gar nicht vorgestellt.
In Brieselang steige ich aus. Die von mir reservierte Pension ist, so muss ich feststellen, entsetzlich weit weg vom Bahnhof. Mit meinem schweren Rucksack latsche ich geschlagene zwanzig Minuten zur Pension. Leider stand nämlich vor dem Bahnhofsausgang kein Taxi. An der Pension angekommen, treffe ich auf den Sohn des Besitzers. Er steht halbnackt vor der Garage und spritzt mit einem Gartenschlauch einen grauen Kleintransporter mit GERMAN-PARCEL-Logo ab. Ich bekomme meine Zimmerschlüssel, beziehe ein schmuckloses aber sauberes Parterrezimmer und frage den inzwischen im Rollstuhl herbeigequietschten Wirt, ob ich mir ein Fahrrad leihen könne. Denn ich Schwuchtel habe schon Blasen an den Füßen, vom Laufen, und der Gedanke, jetzt wieder zwanzig Minuten zum Bahnhof, welcher gleichbedeutend mit City, zu laufen, macht mir wenig Freude. Der Pensions-wirt, er hat eine massive Bierfahne, winkt ab: "In Brieselang ist ein Fahrrad genauso viel wert wie ein Auto. Wenn da was kaputtgeht"; er wiegt den Kopf bedenklich hin und her. Es ist ihm sichtlich unangenehm, es arbeitet in ihm.
Gehe ich halt zu Fuß.
In Brieselang ist wirklich wenig los, das muss man sagen. Es gibt ein Straßencarré, was eine Art Marktplatz formt. An der Nordseite dieses Carrés steht ein Steakhaus mit dem Namen Toro Negro. Steak? Gern.
Das Steakhaus ist enorm international. Die kratzfest beschichtete Speisekarte verheißt argentinische Spezialitäten, ebenso wie das Dekor, das sich aus schwarz lackierten Wagenrädern, geziegelten Wänden, echten Kakteen, falschen Palmen und einem sehr sehr großen, aber leeren Springbrunnen zusammensetzt. Mein Kellner ist Vietnamese, er unterhält sich jedoch mit den Köchen fließend auf italienisch, und um die Nationalitätenvielfalt zu maximieren, bestelle ich von der tagesaktuellen Sonderkarte Spargel, aber wohl doch mit Filetsteak. Zu trinken gibt es ein famos gezapftes Herforder Pils im durstlöschenden Halbliterformat. Das Restaurant ist etwa zur Hälfte mit Gästen gefüllt.
Während ich da so sitze und auf mein Essen warte, spielt eine Zwei-Mann-Combo auf. Mann Nummer eins zupft die Harfe, Mann Nummer zwei die Gitarre, dazu singt er. Die Playlist: Besame mucho, Marina Marina, Happy Birthday (auf Wunsch einer Geburtstagsversammlung), Alle meine Entchen (auf Wunsch eines Vaters, der mit seinen kleinen Kindern da ist). Der Gitarrist benutzt zusätzlich bei manchen Liedern eine Bassdrum-Fußmaschine, an die er eine Kuhglocke geschraubt hat. Das klingt sehr eigen. Als die Musiker fertig sind, bekomme ich mein Essen. Das Steak ist wirklich perfekt. Der Spargel ist nicht richtig durch. Ich zahle und bekomme noch einen Grappa auf Kosten des Hauses. Auf dem Klo benutze ich das Pissoir und pinkle direkt auf ein Klosteinchen, das sofort anfängt einen aufreizenden Mangogeruch zu verströmen. Direkt neben dem Steakhaus gibt es eine Cocktailbar mit Namen Blue Lagoon. Weil es immer noch so schön warm ist, setze ich mich nach draußen und lasse mir ein Radeberger bringen, was unverhältnismäßig lange dauert. Die Kellnerin, entschuldigend: "Das Radeberger läuft heute schlecht". Ich: "Aber hoffentlich ist es frisch". Kellnerin: "Ganz frisch, es kommt aus der Dose", dabei lacht sie. Neben mir nimmt ein Touristenpärchen Platz, beide drahtig und um die fünfzig. Es entsteht folgender Dialog zwischen Pärchen und Kellnerin: "Guten Tag, was hätten Sie gerne?" - "Haben Sie Weiße?" - "Natürlich" - "Dann hätten wir gerne eine Rote und eine Grüne". Dann schweigen beide. Gerade als das Schweigen physisch unerträglich wird, kommt die Kellnerin und bringt dem Paar seine Sirup-Biere. Wieder schweigen beide lange. Die Frau rührt manchmal in ihrer Berliner Weiße. Irgendwann sagt der Mann zu seiner Frau, während er die umliegenden frisch sanierten Häuser anschaut: "Die haben sich hier richtig viel Mühe gegeben". Seine Frau erschlägt statt einer Antwort klatschend eine Mücke auf dem Oberarm des Mannes. Um das alles zu ertragen, trinke ich gleich noch ein Radeberger, auch wenn es schlecht läuft. Dann drängt es mich zu einem Ortswechsel.
In unmittelbarer Bahnhofsnähe verharre ich: Von irgendwo her dröhnt sehr laut Matthias Reims Superhit Verdammt ich lieb dich. Eine ganz eigenartige Stimmung ist das, ich stehe am Bahnhof Brieselang, es ist spät abends, es ist immer noch warm, der Himmel ist türkis und von kleinen Wölkchen bedeckt, und alles ist ganz friedlich, ganz schön, fast muss ich weinen. Ich bin 25 Kilometer von Berlin entfernt und doch ganz weit weg. Ich folge der Musik und lande auf dem Areal der Gaststätte Bahnhofsstübchen. Dort ist es lustig, denn es gibt zwei Biergärten. Der eine wird außerordentlich laut mit der genannten Matthias-Reim Musik beschallt, der Klirrfaktor beträgt etwa 60%. Dieser Biergarten ist leer. Der gegenüber gelegene Biergarten, der im akustischen Schatten der Lautsprecher liegt, ist voll besetzt. So voll, dass ich keinen Platz finde. Ich betrete also die Kneipe selbst. Hier sitzt eine völlig verwahrloste Rabaukenrunde am Tresen, die bereitwillig für mich zusammenrückt. Ich bestelle ein Radeberger. Die gesamte Matthias Reim-CD läuft, von vorne bis Schluss. Hier logieren Repertoirekenner. Man wippt mit, singt mit, flüstert mit. Ich bin inzwischen angenehm angetrunken und habe Lust zu rauchen. Oh wei! Ich bin doch seit sieben Jahren Nichtraucher. Soll ich ausgerechnet in Brieselang wieder anfangen zu rauchen? Ich könnte es ja machen. Sophia, meine Frau, würde es gar nicht mitkriegen. Ich habe wirklich sieben Jahre nicht geraucht. Keine einzige Zigarette, nicht mal an einer anderen Zigarette gezogen. Weil ich Sophia mal erzählt habe, es wäre super-einfach gewesen mit dem Rauchen aufzuhören.
Ich weiß nicht mal, wie viel Geld in so einen Automaten heutzutage reinkommt. Drei Euro hätte ich klein, immerhin.
Ich gehe aufs Klo, im Flur hängt ein Zigarettenautomat. Der Automat will drei Euro. Na gut, werfe ich sie rein. Ziehe mir eine Schachtel Pall Mall, das scheint mir hier eine akzeptierte Zigarettensorte zu sein, denn von den zehn Ausgabefächern sind vier damit belegt. Die Packung kommt mit einem sachten Plapp aus dem Automaten. Ich stecke die Packung in meine Hemdentasche und gehe wieder an den Tresen. Da steht noch mein Radeberger. Ich trinke es schnell aus, bestelle noch ein Radeberger, trinke es ebenfalls schnell aus und dann gehe ich.
Natürlich könnte ich noch bleiben, insgesamt wurde ich bisher freundlich bis interessiert gemustert, womöglich könnte ich hier noch eine veritable Geschichte erleben oder gestalten, aber ich bin ja nur hier um zu beobachten, nicht um einzugreifen. Man soll ja bei der Spurensicherung möglichst wenig anfassen. Außerdem mache ich das auch sonst ganz gerne als Effekt: Immer wenn es gerade richtig nett wird, gehen. Heimgehen. Den anderen das Feld überlassen. Auch hier mache ich das. Ich drehe mich vorsichtig aus dem Barhocker und sagte "Schüsschen". Alle sagen freundlich "Tschüs".

Guter Dinge und mit draller Blase laufe ich den langen Fußweg zurück zur Pension, immer am Bahndamm entlang. Plötzlich fangen die Geleise an zu sirren, zu zischen. Da, ein ICE nähert sich, rauscht herbei und donnert dann heulend an mir vorbei. So ein Glück! Genau so habe ich mir das nämlich vorgestellt mit dieser Reise, ein Seitenwechsel, ein Rollentausch. Ich schaue nicht aus dem Zug heraus, ins Nirgendwo, sondern ich stehe am Gleisrand und schaue in den Zug hinein.
Ich muss an einen lange vergessenen Haschischrausch denken, während dessen ich mich selber von oben gesehen habe. Ich saß vor einer Kneipe auf dem Gehsteig und schimpfte. Das Ganze konnte ich von oben, circa zwei Meter höher beobachten. Ich schaute mir genau zu und fand, dass das sehr unangenehm aussah. Jedenfalls, ein bisschen kommt es mir jetzt auch so vor, als könnte ich mich selber im ICE sitzen sehen.
In der Pension gehe ich sofort ins Bett. Das Rauchen habe ich ganz vergessen. Vielleicht morgen. Bevor ich einschlafe, muss ich daran denken, dass draußen an der Blue Lagoon Bar ein nachtblaues Binding-Lager-Schild hing. In funkelnden goldenen Buchstaben stand darauf Check in to another world.

 

Jochen Reinecke
Geister Abschütteln
109 B 9R1
ISBN 978 3 941936 00 3
1. Aufl. 2009
Paperback, 100 S., 13.00 EUR
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kleiner Fisch

 

ANIKKÄNBRÖ & KNETEMELK
© 1999-2014 Beat Karotin jr.

 

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