Martin Bartholmy
Mit Karl Napf durch Deutschland
Geschichten von Städten
108 B B2
ISBN 978 3 9803911 9 1
Bartholmy

Auszug: Eine von 25 Städten

HALLE

Händel-Karree, Händelgalerie, Händelhaus-Karree — gleich komme ich in Halle an und studiere im Zug orientierungshalber Prospekte und Plan. Eine Händelhalle hat Halle auch. Aus dem Bahnhof schlendernd will ich eine Händelmelodie summen. Leider kenne ich keine.
Eine Unterführung führt lange, lange in die Stadt hinein. War nicht der Messias von Händel? Wie ging der noch gleich? Keine Töne stellen sich ein. Die Wände der weiter und weiter sich fortpflanzenden Unterführung sind nahtlos mit Auftragsgraffitis ausgeschmückt, die keine Narrenhand je übersprühte. Ein Mann mit Kugelbauch — ansonsten ist er überraschend hager — singt Lucy in the Sky With Diamonds und begleitet sich dazu auf der Gitarre. Neben ihm steht eine asiatische Frau mit blauem Haar und schlägt das Tambourin. Ich bleibe kurz stehen — hinten verspricht ein Sonnenfleck das Ende der Unterführung — und werfe zwei Euro in eine tüllenlose Kaffeekanne, die vor den beiden auf dem Boden steht, in der bislang nur wenig Kupfer liegt. Die Frau lächelt mir zu, nickt, und ich gehe weiter, dem Sonnenfleck entgegen.
Ins Freie gelangt, hebt die Innenstadt an. Willenlos gehe ich durch einige Straßen und Gassen, Gassen, Straßen, Passagen. Die Stadt ist eine Streuobstwiese aus kaputten Häusern und nicht kaputten, neuen und nur halb kaputten, alten und halbalten, leeren Häusern, dazwischen immer wieder Andeutungen von Baustellen, neuen und alten. Unter den Sohlen knirscht es; meine Zähne senden ein Signal, als würde Kies geschippt; mir schwindelt. Behutsam lehne ich mich ein wenig an eine bröselnde Wand, schließe für einen Moment — ist er kurz? ist er lang? — die Augen. Als ich sie wieder öffne, entdecke ich auf der Bröselfarbe ein von Haarrissen durchzacktes Schablonengraffiti: www.hoelle-saale.de. Wusste ich doch, dass hier etwas nicht stimmt. Was mag es sein? Die Grübelei vertreibt den Schwindel; ich gehe weiter, lande auf einem großen Platz, links Baustelle, rechts ein großer, schmutzigroter Turm. Vor den Bauzäunen steht der Gitarrespieler und spannt eine neue Saite. Das Tamburin hängt zwischen Werbung für Diavorträge, Mauretanien, Westerwald, Mekong, am Bretterverschlag; die Asiatin kniet davor, leert die Kaffeekanne.
Ich gehe zu ihnen, und wir machen uns bekannt. Er heißt Ullo, sie Janine, beide aus Halle. Mit der Musik halten sie sich scheints ganz gut über Wasser. Ich erkundige mich nach den Sehenswürdigkeiten. Janine zeigt auf den roten Turm und sagt: "Der Rote Turm da." Ich erkläre, ich kenne den Turm von einem Gemälde Lyonel Feiningers, es sei das übrigens das Lieblingsgemälde Hans Dietrich Genschers, der, soweit ich wisse, seinerseits aus Halle stamme. Das scheint den beiden nichts zu sagen. Ullo meint: "Der Turm ist alt, der war schon immer da."
"Und wie sieht es mit Händel aus?" will ich wissen. Die beiden kennen die Händelhalle, die Händelgalerie, aber: "Das soll ein Komponist sein? Das müsste ich als Musiker aber wissen."
"Ja, ein englischer", erkläre ich, George Frederick Handel, Wassermusik, sehr berühmt in Großbritannien."
"Großbritannien? Wasser?" Ullo hebt alert den Kopf. "Wo denn da? Liverpool?" Ich verneine. "Hm..." macht Ullo unzufrieden. "Aber apropos England: Wir haben hier das größte Beatlesmuseum der Welt!" Ullo zeigt in eine Richtung und Janine nickt freundlich. Daß sich das größte Beatlesmuseum der Welt in Halle befindet, will ich nicht so einfach glauben, weshalb ich mich von den beiden hinführen lasse. In der Nähe eines kleinen Platzes, der eben aufgerissen und umgebaggert wird, geht es durch einen Yellow-Submarine-artig bemalten Durchgang in einen Hinterhof — und dort ist in der Tat das Beatlesmuseum, auf zwei Stockwerke verteilt. Unten befinden sich die Jahre bis 1970, oben die Solokarrieren der Jahre danach. Gezeigt werden die Geburtsurkunden (Kopie), Plakate, Fotos, Autogramme, und Musik kann man sich auch anhören. Ullo und Janine kennen sich aus, sie treten hier des öfteren auf, er John Lennon, sie Yoko Ono. Tatsächlich, erst jetzt fällt es mir auf — Ullos langes Haar, die Nickelsonnenbrille. Janine erklärt, sie sei als Kind aus Vietnam nach Halle gekommen, aber zwischen Japan und Vietnam wüssten die Hallenser, Halloren nicht zu unterscheiden, erfreulicherweise, sonst sei das schöne Auskommen, das sie hier hätten, eventuell futschikato.
Nach einer kurzen Führung durch das Museum brechen wir wieder auf. Ich will mich verabschieden und erkundige mich noch, wo ich hier einen Film kaufen könne, für meine Kleinbildkamera. Ullo und Janine sehen sich an, er nickt, Janine sagt: "Am besten bei Karstadt. Wir kennen uns da aus. Ich führe Sie hin." Ullo muß scheints in der Stadt noch etwas klarmachen und will später wieder zu uns stoßen. "Der Karstadt ist am Rand der Innenstadt, gar nicht weit."
Hinter den Gebäuden des MDR ist eine ausgedehnte Baulücke, auch hier wieder riesige, bestellte Graffitis an den leeren Mauern. "Gibt es denn keine Sprayer in Halle?" will ich wissen. Janine zeigt auf die Wandbilder und sagt: "Doch, sieht man das nicht?" "Ja, sicher. Aber ich dachte an Sprayer, diese Jugendlichen, die Graffitis zum Spaß an die Wand sprayen, verbotenerweise." "Wie? Ohne Geld? Und auch noch gegen das Gesetz?" Janine ist verblüfft. "Nein, warum sollte das jemand tun, wenn man es auch erlaubt und für Geld machen kann?" Mir fällt keine Antwort ein.
Wir erreichen den Karstadt, einen sehr großen, vielstöckigen Bau, so groß die genauen Abmessungen des Gebäudes lassen sich nicht erfassen. "Das war die größte Kaufhalle der DDR, Centrum, jetzt ist es Karstadt." An einem Wandbild vorbei, das den Roten Turm zeigt, treten wir ein. Janine führt mich, und das ist gut, ich hätte mich sonst sofort verlaufen. "Wo sind denn hier die Rolltreppen?" will ich wissen. Rolltreppen gibt es nicht, das sei hier nicht üblich. "Das ganze Kaufhaus ist Erdgeschoß", erklärt Janine.
"Und die vielen Stockwerke oberhalb?"
"Weiß ich nicht, war da noch nie. Wahrscheinlich Büros, Lager, oder sie stehen leer." Auf unserem langen Weg begrüßen einige Verkäuferinnen Janine, man kennt sich. Ich bekomme meinen Film und frage: "Und jetzt?" Janine will mich noch ein wenig herumführen: "Du wirst schon sehen."
Wir fädeln uns durch in eine hintere Ecke des Kaufhauses, passieren eine Stahltür. "Ist das nicht nur für Personal?" Janine schüttelt den Kopf. Vor einer Bocca di Verita bleibt sie stehen. Der Kopf ist aus Plastik, gegen Münzeinwurf bekommt man die Zukunft. "Das funktioniert richtig gut", meint Janine.
"Das Horoskop?"
"Nein, das mit dem Geld. Ich zeigs Dir später." Es geht um eine weitere Ecke, auf die ein langer Tunnel folgt, die Wände mit Auftragsgraffitis verziert, hier und da tropft es. Dann kommen wir in einen Verkaufsraum für Zelte und andere Campingdinge. Dann geht der Tunnel weiter, und viele Schritte später sind wir bei der Elektronik. "Ullo kommt zu den Fernsehern. Warten wir da auf ihn." In einer Sitzgruppe lassen wir uns nieder und schauen auf einem Grundig Monolith Brisant. Ullo kommt als gerade Wuschel das Biowetter präsentiert. Er hat Würstchen und Bier mitgebracht und verteilt.
"Dürfen wir das hier?" frage ich besorgt.
"Klar dürfen wir, wirst schon sehen. Einen Moment." Ullo fährt auf einem kleinen Roller davon in Richtung Tunnel und kommt bald wieder. In einer Tüte hat er Teller, Gläser und Besteck. "Haushaltswarenabteilung", sagt er und verteilt auch das. Tatsächlich stört sich niemand daran, daß wir in der Fernsehecke essen und trinken. Gelegentlich grüßt nett ein Verkäufer, und im Gegenzug weist Ullo ein gelangweilt an der Kasse lehnendes Mitglied des Personals darauf hin, daß "der Samsung Flachbild, der da oben links", seit zwei Tagen bereits das Rot ganz Violett wiedergebe. Der Mann nickt und macht sich an dem Gerät zu schaffen.
Später, die Kundschaft hat sich merklich ausgedünnt, verkündet eine Frauenstimme übers Lautsprechersystem, dass Karstadt in Kürze schließt. Ich hebe mich aus meinem Sessel. Ullo greift mir in den Arm und zieht mich hinunter in die Polster. "Keine Eile, zu Essen und zu Trinken haben wir noch reichlich." Er nickt zu den Tüten, die er neben die Fernseher gestellt hat.
"Aber das Kaufhaus schließt", wende ich ein.
"Für uns nicht", sagt Janine und wiegt den Kopf leicht nach links.
In der Tat verlassen die wenigen noch verbliebenen Kunden rasch den Raum. Bald folgen ihnen namensschildlos die Verkäuferinnen und Verkäufer. Die meisten verabschieden sich sehr freundlich von uns und wünschen eine gute Nacht. Dann wird es still. Dann geht die Tagesbeleuchtung aus, die dämmrige Nachtbeleuchtung wird eingeschaltet. "So", sagt Ullo, "Zeit, Musik zu machen." Er geht zu einem der Musiktürme, holt eine CD von unter dem Regal hervor, legt sie ein, und wir hören die Beatles singen:

Hey, Bungalow Bill
What did you kill
Bungalow Bill?

Janine begleitet das Stück auf ihrem Tamburin. Als es vorbei ist, fragt sie: "Willst Du unsere Coverversion hören? Wir machen von allen Beatlesstücken Cover." Sie schlägt ihr Tamburin und singt:

He, Holzhütten-Harald,
Was hast du abgeknallt,
Holzhütten-Harald?

Ullo nimmt die Gitarre, zupft erst nur hier und da und begleitet sie dann. Schließlich singt er mit, und auch ich brumme den Refrain.
Sehr viel später, Getränke und Futter sind alle, Zigaretten hatte uns der Nachtwächter gebracht, rollert Ullo los, um Nachschub zu holen. Janine schält eine Packung F6 Blue aus der Stange, zutzelt zwei Zigaretten heraus und gibt mir Feuer. Schläfrig sinke ich in den Sessel, aber Janine rüttelt mich am Arm: "Die Bocca di Verita, komm, ich zeig Dir das jetzt." Wir gehen zurück durch den langen Tunnel, am Zeltplatz vorbei und noch weiter. Kurz vor Ende des Tunnels öffnet Janine eine unter dem Graffitibelag kaum auszumachende Türe. Unter Baustellenlicht gehen wir einen Kabelschacht entlang bis zur Rückseite des Automaten. Mit einem Vierkant, sie trägt ihn an einem Lederband um den Hals, öffnet Janine das Deckblech und läßt aus dem Münzfach das Geld in eine der orangenen Tüten rauschen, in denen sich das Bier befunden hatte. "Das ist der andere Teil unseres Einkommens", erklärt sie. "Beatlesmuseum, Bocca di verita und ein bißchen klampfen — nicht viel, aber alles in allem kommt da schon was zusammen."
"Und was steht auf den Wahrsagezetteln drauf?"
"Wir schreiben nichts auf die Zettel. Papier ist geduldig. Die Zettel sind leer."
Ich verstehe nicht ganz. "Wie bitte? Die Leute bezahlen für leere Zettel?"
"Ja, genau. Aus der Bocca kommt weißes Papier, unbedruckt. Das war ein Unfall, ursprünglich. Als wir angefangen haben, damit, war da noch ein Computer, der hat immer irgendeinen von x-hundert Sprüchen, ausgedruckt — nach Zufallsprinzip. Dann, irgendwann, war der Drucker kaputt, oder die Tinte war leer. Ich weiß nicht, egal. Wir habens aber erst nach einigen Tagen bemerkt, und wir wollten das schon reparieren. Aber dann ist uns aufgefallen, wie wir die Münzen leeren, daß jetzt in der Bocca viel mehr Geld drin war als sonst." Sie schüttelt die halbvolle Biertüte, die Münzen rasseln dumpf. "Die Leute mögen das, glaube ich : Keine Botschaft, nur ein weißer Zettel. Das ist irgendwie ein Geheimnis und auch mal was anderes. Jeder kann selbst sehen, was er draus macht. Viel orakelhafter."
Wir gehen zurück. In der Campingabteilung, bei der Zeltstatt kommt uns Ullo entgegen, mit neuem Bier, neuen Würsten. "Hier wohnen wir", sagt Janine, hakt ihren Arm aus meinem und lässt ihn über die Zelte schweifen. "Es sind genügend Zelte da, such Dir eines aus." Ich entscheide mich für ein rundliches Modell. Ullo gibt mir einen Schlafsack, Janine zieht zusätzlich Matratze und Kissen herbei: "Gibt es alles zur Genüge, mehr als genug."
Ein wenig sitzen wir noch am elektrischen Lagerfeuer, dann legen wir uns hin. Im Einschlafen höre ich, wie rechts, wie links die Saale rauscht.

 

Martin Bartholmy
Mit Karl Napf durch Deutschland
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ISBN 978 3 9803911 9 1
1. Aufl. 2008
Paperback, 288 S., 18.00 EUR
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ANIKKÄNBRÖ & KNETEMELK
© 1999-2014 Beat Karotin jr.

 

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