Martin Bartholmy
Mein mittlerer Kochtopf
Gedankenlyrik
105 Z 1.081
ISBN 978 3 9803911 7 7
Bartholmy

 

Gedankenlyrik, so das erste Wort dieses Bändchens, - was werden wir also darin lesen. Nun, das Gedankliche in der Lyrik ist ja eher ziemlich passé und Lyrik selbst auch nicht eben der Hecht im Karpfenteich des literarischen Forellenquartetts -falls der Dichter das so sagen würde? ... Er würde? - Na, wegen mir. Weswegen wir hier nun auch mal keine Gedichte, sondern lyrisch Ungereimtes vorlegen, das doch vielleicht gerade dem sich entpuppenden Gedanken, mäeutisch möglicherweise...? - Aber das überlassen wir der Deutung, die der Hegelschen Eule gleich sich erst nach Einbruch des Winters in den Süden, gen Athen hin bewegt. Schauen wir lieber einmal genau, was Dich, Leserin, was Dich Leser, auf den folgenden Seiten wirklich erwartet. Da kommen wir dem Braten dann schon näher.
Die gebrochenen Zeilenhäuflein sind in sieben Abschnitte und ein P.S. unterteilt. Die Abschnitte sind überschrieben ... nun, das wirst Du dem Inhaltsverzeichnis entnehmen können. Dabei fällt auf, dass die Zahl der lyrisch gebündelten Zeilen von Abschnitt zu Abschnitt differiert. - Wie das kommt? Zählen kann unser Autor schon. Vielmehr hat es zu tun, mit dem unterschiedlichen Gewicht unterschiedlicher Sphären. So WOHNEN wir viel (wenn auch oft überteuert, s. 1. XVII.) , manche BEWEGEN sich vielleicht zuwenig, unser Autor gehört aber nicht zu jenen; das ARBEITEN wird mangels Arbeit eher knäpplich, was auch die Kaufkraft und das KAUFEN tangiert; viel zu kaufen gibt es aber dennoch. Andererseits TIEREN und PFLANZEN die vorgeblich so bedrohten anderen Lebewesen vergleichsweise stabil weiter so für sich rum und NATUREN Phänomene allerart, seien sie anorganisch, kosmisch oder bläd jedenfalls stark weiter, allerorten.
Bleibt ein einzelnes P.S. Als einziges Strophenbündel zeigt es den Reim und eine doch scheinbar willkürliche Alogik. Will uns das sagen, dass Reim Lüge sei? - Ach nein, das will es nicht. Oder wie jemand schrieb, eine Dichterin war es, jetzt fällt's uns ein:

Schrei lauter Muse, mach mehr Krach,
die Welt, die kracht schon tausendfach.
Sie sagt darauf : das sei kein Grund,
weit bessren tät sie's flüsternd kund.
Doch ach! nichts sagte sie zu mir, ging einfach fort;
seither such ich nach ihr an jedem Ort.

Die Muse such ich ständig,
war ich doch zu unbändig.
Die Stimme war sehr hübsch
und auch der Körperbau,
doch, ach, sie machte nicht genug Radau.

Und so weiter, man kennt das ja.

Gedanklich reiferen Menschen mag die Gliederung in sieben säuberlich getrennte Abschnitte widernatürlich vorkommen. Die stark empfindenden unter ihnen mögen sogar ausrufen: "Das ist ja widernatürlich." Und ohne Umschweif geben wir ihnen recht. Andererseits bedarf der Gedanke, hat er schon keinen Reim zur Hilfe, doch ganz besonders der ordnenden Hand, sonst bleibt am Ende nur ein Saustall über, den dann keiner ausfegen will, von auslesen ganz zu schweigen.
Dass trotzdem alles mit jedem zusammenhängt ist natürlich klar, weshalb wir gerade dem Leser und der Leserin, denen der Ernst des Gedankenwerks am Herzen liegt, zum einen Querverweise bieten - von den Strophen eines Themenkomplexes nämlich, zu verwandten eines anderen; den eher enzyklopädisch Veranlagten hingegen bietet der Anhang ein Schlagwortverzeichnis, was auch sehr praktisch ist, wenn es für Magisterarbeit, Grußkarte oder Grabstein einmal dringend am passenden Sinnspruch gebricht.
Just-in-time darf heute auch dem Lyriker kein Fremdwort sein, ganzheitliches und nachhaltiges Schaffen sei seine Aufgabe. Deshalb, Leserin, schmeiß dieses Büchlein nicht weg, Leser, verschmier es nicht mit cadmiumhaltigen Buntstiften, lest es ganz aus und ganz gründlich, damit auch etwas haften bleibe und findet darin just-in-time den richtigen Denkanstoß zur fatalsten Situation.

Albrecht Conz

 

1. Wohnen

In seiner Wohnung ist der Mensch
manchmal ganz gern alleine.

I.

Vor meinem Fenster hockt die Fensterbank.
Sieht aus, als ob sie friert.
Zumindest ist es draußen
ganz schön kalt.
Ich lasse sie trotzdem nicht rein.
Man kann ja nicht jedem helfen.

II.

Vor dem Haus steht
auf dem Gehweg
das Gerüst der Maler.
öffentlicher Grund und Boden
trägt so seinen Teil
zur Verschönerung meiner Fassade bei.
Nachher immerhin können auch alle
ihre gelbe Pracht dann betrachten.
Außer den Blinden natürlich.
Ihre Hunde sehen nur schwarz und weiß.

III.

Heiße Zigarettenasche
brennt Löcher in den Teppich
und Blasen in die Hand.
Den Aschenbecher hingegen
saut sie nur gründlich voll.
Schönheit ist eben doch nicht alles.

IV.

Mir fällt heute auf,
dass sich zwischen Heizkörperrippen
besonders dick der Staub versteckt.
Ein rechtes Gesindel, dieser Staub:
Lichtscheu und dann auch noch frieren!

V.

Wenn ein Kaffeefilter treu
seinen Dienst getan,
werfen wir ihn einfach in den Müll.
Andererseits: Ob ihm der Komposthaufen
tatsächlich lieber wäre?
Man weiß es nicht. Man steckt nicht drin.

VI.

Ein Groschen ist mir hinter den Kühlschrank gefallen.
Das ärgert mich ein wenig.
Werde ich jetzt berühmt
oder bloß taub?

VII.

Ich putze den Tonkopf meines Kassettenrecorders
mit reinem Alkohol.
Keine Bange,
er muss heute nicht mehr fahren.

VIII.

Der Messbecher in meiner Küche
ist leer.
Das sehe ich.
Aber wie bestellt und nicht abgeholt
stehen die Maßeinheiten
auf ihm Schlange.
Blödes Volk, diese Zahlen.

IX.

Der Wasserhahn bei mir im Bad
schweigt stille.
Auch der Hahn in der Küche
tropft nicht.
Ich wohne nur mit Hähnen zusammen,
die Klischees aus dem Wege gehen.

X.

Die Wände meines Wohnzimmers
habe ich tapeziert
mit den Seiten eines Buches in Blindenschrift.
Ich protestiere so stumm
gegen behindertenfeindliche Witze.

XI.

Ein Buch ist mir auf den Teppich gefallen.
Lange schaue ich mir die zufällig
aufgeklappte Stelle an:
Das muss doch was bedeuten?
Bedeutet denn das was?
- Scheint aber gar nichts zu bedeuten.
Später fällt mir ein,
statt das Täterwissen des Buchs zu ergründen,
hätte ich wohl besser das Opferwissen
meines Teppichs gelesen.

XII.

Beim Frühstück fällt mir eine Brotkrume
ins Honigglas.
Ich versuche noch, sie zu retten.
Aber umsonst,
sie geht unter.
Hoffentlich ist sie nicht zuckerkrank.

XIII.

Wenn ich über die Rippen meines Heizkörpers fahre,
macht es so schön rapp-pa-pa-rapp.
Fahre ich über meine Rippen,
macht das kein Geräusch,
ich muss aber gicksen.
Regel für Heizkörperbesitzer:
Gickst Euer Heizkörper,
dann macht euch lieber,
rapp-pa-pa-rapp,
schnell vom Hof.

XIV.

Kürzlich habe ich mir
an meinem Kleiderschrank
ganz granatenmäßig den Zeh gestoßen.
Seither sind aus dem Schrank
Alle Socken verschwunden.
Macht aber nichts.
Mit dem geschwollnen Fuß,
würden sie mir sowieso nicht mehr passen.

XV.

Mein mittlerer Kochtopf
hat den Löffel abgegeben.
Allein liegt sein Deckel im Regal.
Sind Redensarten demnach wirklich
der goldne Streif am Horizont?
Wenn jeder Topf seinen Deckel findet,
dann kann ihn jeder ja auch verlieren.

XVI.

Und immer dieses Konkurrenzdenken
- wozu?
Mit nur einer Box
schaut selbst meine Stereoanlage
ziemlich dumm aus der Wäsche.

XVII.

In meiner Wohnung stehen
vier Stühle, ein Sessel und ein Sofa.
Ich sitze aber immer nur auf einem gleichzeitig.
Vielleicht sollte ich von den anderen
endlich mal Miete verlangen.

XVIII.

Links im Flur in einer Ecke
sammelt sich Staub.
Na, besser er sammelt sich,
als dass er hysterisch wird
und mich anfällt.

XIX.

Früher habe ich leere Bierdosen plattgetreten,
damit mein Mülleimer länger halbleer bleibt.
Seit ich nur noch Kaffee trinke
macht das aber auch keinen Spaß mehr.

XX.

Im Kopf geht mir ein Gedanke rum,
einer von der lästigen Sorte,
und ich denke schnell dagegen:
"Na, Gehirn, lass das mal besser sein,
ich weiß, wo du wohnst."

XXI.

Ich habe einen Hausschuh verloren.
Höchste Zeit,
in eine kleinere Wohnung zu ziehen.

 

2. Fortbewegen

Bewegung ist das A und O
des Lebens.

I.

Auf der Straße fährt ein Auto.
Dann noch eins
und noch mal eins.
Dann kommt eines,
das fährt in die andere Richtung.
Aber wir sind ja tolerant, hier.

II.

Ein Fahrrad steht angekettet
am Lindenbaum:
Symbiose von Natur und Technik.
Oder doch vielleicht doch eher
Freiheitsberaubung umweltfreundlicher
Fortbewegungsmittel?

III.

Die Rolltreppe im Bahnhof ist defekt.
Die Leute maulen und laufen.
Finge die Steintreppe nebenan
an zu rollen,
wäre es ihnen aber wahrscheinlich
auch wieder nicht recht.

IV.

Die Stadtreiniger haben
am Halteverbotsschild
einen Mülleimer angebracht.
So ungerecht kann die Welt sein.

V.

Die Türen alter S-Bahn-Züge
gehen bekanntlich auf,
auch wenn der Zug noch gar nicht hält.
Beziehungsweise:
Dran ziehen muss man schon.
Zöge man nicht, dann blieben sie
auch während flinker Fahrt stets fest
verschlossen.
Zieht man hingegen,
wenn der Zug gerade hält,
die Notbremse,
dann passiert eigentlich
ganz und gar nichts.

VI.

An meine Schuhsohle hat sich zäh
ein Kaugummi angeheftet.
Mich hält er fest.
Sich lässt er treten.
Ein Masochist vielleicht,
weil er sehr früh
schon arg verbissen wurde?
Oder steht er ganz einfach nur
auf schwarze Lederstiefel?

VII.

Im Bus setze ich mich, ist etwas frei,
am liebsten hin, auf eine Bank.
Andererseits macht mir das Schuldgefühle.
Die Halteschlaufen kommen sich
so sicher furchtbar nutzlos vor.
Suizidgefährdet baumeln sie an der Stange.

VIII.

Im Plattenladen
stehen viele Platten rum.
Legt man eine Nadel drauf,
machen sie Musik.
In meinem Autoreifen
steckt ein Nagel;
mein Auto steht rum
und macht keine Musik.
Mein Neffe fragt, wie das zusammenhängt.
Ich kann's nicht sagen.
Nur soviel:
Man hat mir das Autoradio
geklaut.

IX.

Auf der Titelseite der Zeitung lese ich,
sie koste eine Mark.
Zahle ich weniger,
ist's Diebstahl,
zahle ich mehr,
schreiben die Journalisten trotzdem,
was sie wollen.

X.

Ein kleines Flugzeug fliegt vor meinem Fenster vorbei.
Wahrscheinlich will es nach Tempelhof.
"Viel Glück, kleines Flugzeug!"
- Was jetzt natürlich nicht heißen soll,
dass ich Naziarchitektur gut finde,
oder die Berliner Polizei.
Gegen seinen Willen zwingt man wahrscheinlich
das Flugzeug gerade hier zur Landung.

XI.

Singles sind kleiner als LPs,
dafür aber schneller.
Maxisingles sind gleich groß wie LPs,
dafür aber auch schneller.
CDs sind viel kleiner als LPs
silbern und,
glaube ich,
vielviel schneller.
Das Gebäude hingegen,
vor dem viele kleine Menschen behänd wuseln,
ist kein Singleclub,
sondern eine Kita.
Das Gebäude
vor dem viele große Menschen spillrig zappeln
ist kein Singleclub,
sondern die Börse.
Im Gebäude des Singleclub
werden CDs abgespielt;
die Menschen sind klein, langsam,
aber immerhin, ihr Haar ist treu und silbern.

XII.

Die Wolken am Himmel da,
die machen so merkwürdige Muster.
Was sollen sie
auch sonst groß machen.
Scheiß Leben.

XIII.

Ein Auto fährt über den Zebrastreifen.
Ich stiefle los,
und ein anderes Auto hält an.
Typisch Mensch, oder was?
Artenschutz, aber bloß für die eigene Spezies.

XIV.

Die U-Bahn hält an
Und einige Leute steigen aus.
Dabei fährt der Zug doch noch weiter.
Na, denke ich,
die werden schon wissen,
was sie tun.

XV.

Auch die Himmelskörper kennen die Tricks
der Evolution.
Den Mond z.B. sieht man meist nachts.
Tagsüber könnte man ihn ja auch kaum sehen.
Jedem seine galaktische Nische.

XVI.

Tagsüber machen vor meinem Haus
die Autos Lärm.
Aber nicht zu viel.
Dafür wird nachts auf der Straße
umso lauter getuschelt.
So ist er halt,
der Flüsterasphalt.

XVII.

Sonnenbrille, Regenschirm,
Sonnenschirm und
Moment: Ist mir jetzt was ins Auge geflogen,
oder weine ich bloß?

XVIII.

"Tscha", denke ich, "Dopplereffekt".
Andere denken synchron:
"Schon wieder die Scheißbullen mit Blaulicht."

XIX.

Die Ampel zeigt rot.
Ich überquere dessen ungeachtet die Straße.
Ich bin nicht gern
auf der rechten Straßenseite,
ich bin nicht gern
auf der linken Straßenseite.
Warum weiche ich dem heranbrausenden Minivan
trotzdem hurtig aus?

XX.

Wenn mitten in der Seenplatte ein See umkippt
und keiner hat's gesehen,
ist er dann wirklich umgekippt?

XXI.

Wenn hingegen in der Kneipe ein Bierglas umkippt
und keiner war's gewesen,
weshalb bin ich dann nass?

XXII.

Jetzt sitze ich aber echt in der Klemme:
Ich hab mein Einwegfeuerzeug
in einer Einbahnstraße verloren.
Und Zigaretten sind auch alle.

 

3. Arbeiten

und wenn's köstlich gewesen ist,
so ist's Mühe und Arbeit gewesen.

I.

Eine Büroklammer hat sich fest
In der Laufschiene der Schreibtischschublade verhakt.
Die geht jetzt nicht mehr auf.
Von "zu" mangels "auf" ganz zu schweigen.
Alle Räder stehen still,
wenn es nur Karl Klammer will.

II.

Meinen Hosenladen,
den will ich heute einmal loben:
Er hat Knöpfe. Die sind zu.
Wären sie es nicht, wie ständ ich da?

III.

Eine Büroklammer hat sich,
suizidal,
in den Laserdrucker gestürzt.
Selbstmord ist,
denke ich,
- ethisch gesehen -
eine einsame Entscheidung.
Aber mein Serienbrief,
denke ich,
sieht das anders.

IV.

Auf dem Display meines Taschenrechners
tummeln sich viele vergnügte Zahlen.
Drücke ich auf die C-Taste,
sind sie alle weg -
bis auf eine Null.
Die Logik der technischen Machbarkeit macht uns
mittels eines Knopfdrucks
Vernichtung so hopfenleicht.
Früher blieben noch
die Schupfnüdelchen des Radiergummis über,
unser Gewissen zu jucken.
Aber eine kleine Null,
die juckt kein Schwein.

V.

Das Mikrophon in meiner Hand
ist größer als mein Ohr.
Das Mikroskop vor mir auf'm Tisch
ist größer als mein Auge.
Den Mikrochip in meinem Computer,
den kann ich gar nicht sehen.
Typisch Computer, denk ich mir,
selbst zum Gleichnis sind sie zu blöd.

VI.

Zwischen den Schneidezähnen oben
ist mir ein Stückchen Fingernagel hängen geblieben.
Sollt ich wohl besser nicht so rumpulen,
zwischen den Zähnen, mit den Nägeln.
Andererseits trägt das nicht doch,
irgendwie,
zur Verständigung bei
zwischen Kopf und Arbeit?

VII.

Geistesabwesend fasse ich mir an den Arm -
Und: Der biegt sich plötzlich so.
Hat außerdem auch einen dicken, festen Knubbel.
Oh Schreck: Armbruch, Armbrust - oder Krebs?
Ich schrecke auf,
seh hin,
und stell erleichert fest,
nein, gottseidank,
alles o.k.,
bloß Ellebogen angefasst.

VIII.

Putztücher gibt's nur in hellen Farben.
Taschentücher auch.
Scheiß Kapitalisten!
Wollen bloß, dass alles gleich dreckig aussieht,
weggeschmissen wird,
und wir müssen's neu anschaffen gehn.
Bin ich lieber subversiv,
hol mir eine Putze aus Ghana.

IX.

Wo eigentlich enden Faxe,
die ankommen,
aber das Papier ist alle?
Hölle, Paradies oder Fegefeuer?
Hier, scheint mir,
bietet sich die Chance,
Gott endlich einmal zu beweisen.

X.

Was heißt hier Stradivari?
Wenn ein Schiedsrichter pfeift,
buhen die Leute ja auch ihn aus
und nicht seine Pfeife.

XI.

Das Märchen von
Grünweißling und Rosenkohl
gibt es leider gar nicht.
Jammerschade - so ein schöner Titel.

XII.

Ich weiß ja nicht,
ob das alles wirklich wahr ist - so.
Aber wenn ich Simsalabim mache,
passiert auch'n Scheiß.

 

4. Kaufen

Alles ist käuflich,
sogar die käufliche Liebe.

I.

Eine bunte Alditüte
weht den Bürgersteig entlang.
Ich gehe einkaufen,
aber zu Penny.

II.

Im Rinnstein sehe ich einen Groschen
und will ihn aufheben.
Es klebt aber noch etwas Hundescheiße daran.
Da lass ich ihn lieber, wo ich ihn fand.
Vielleicht hat ihn ja ein armer Hund verloren.

III.

Vor meinem Supermarkt steht ein Alkoholiker
und bettelt.
Ist das jetzt ansteckend
oder kommt das vom vielen Einkaufen?

IV.

In den Einkaufswagen stecke ich
eine Mark
und er rollt mit mir los.
In die Wurlitzer schiebe ich
eine Mark
und sie rockt was von Springsteen.
Heißt also wohl,
Rock'n'roll ist,
wenn Springsteen eine Mark
in einen Einkaufwagen schiebt.
But I like it.

V.

Ein Würfel hat sechs Seiten.
Sag ich jetzt mal so.
Denn hät er nicht sechs Seiten,
dann wär's auch nicht mein Würfel.
Ein gewürfelter Pullover hingegen
Hat bloß zwei Seiten:
Auf links oder rechts waschen.
Pullover ist demnach minus vier.
Deswegen sehn die auch so scheiße aus.

VI.

Im Supermarkt habe ich mir
delphinfreundlichen Thunfisch gekauft.
Ob's das auch umgekehrt gibt?
Den Thunfisch hat wahrscheinlich
mal wieder keiner gefragt.

VII.

Gestern habe ich mir die Haare
mit Duschgel gewaschen.
Seither kann ich meinem Shampoo
Nicht mehr in die Augen sehen.

VIII.

Im Sonderangebot
wird Zahnpasta verkauft.
Die Schokolade hingegen
ist teuer wie eh und je.
So wird das aber nix,
mit der Marktwirtschaft.

IX.

Von meinem Kühlschrank ist
der Türgriff abgefatzt.
Aber schon vor Jahren.
Also eigentlich kein Grund mehr
für die Milch darinnen,
immer noch sauer zu sein.

X.

Das cleverste aller Tiere
ist die Zahnseidenraupe.
Für die Mundraumhygiene
verscheuert es uns
seine Windeln.

XI.

Leere Kassettenhüllen -
zum Wegwerfen zu schad,
zum Anhören zu fade.
Die Musik auf dem Tape,
hatte mir zwar auch nicht gefallen.
Aber was könnten nicht für Wunder
in der Hülle stecken,
wäre sie voll?
Kassetten ohne Hülle schmeiß ich dafür
gleich weg.
Die werden nur staubig
und machen die Anlage kaputt.

XII.

Auf meiner mittels Klebestreifens
wiederverschließbaren Papiertaschentücherplastikhülle
steht http://www.danke.de
Wenn ich über's Modem
eine Verbindung ins Internet aufbaue,
mittels Mausklick den Browser öffne
und in die URL-Zeile http://www.danke.de eintippe,
erscheint auf dem Bildschirm
groß das Wort "DANKE".
Bitte, gern geschehn.

XIII.

Schon das dritte Mal dieses Jahr
habe ich mir den großen Zeh
an der Kühlschranktür angehauen.
Und immer noch
gibt's keine Fußschmerztabletten.

XIV.

Auf meiner Zigarettenpackung
steht auch was drauf.
Wieso das denn?
Ich bin schon zufrieden,
wenn was drin ist.

 

5. Tieren

Tiere schauen dich an,
besonders im Zoo.

I.

Auf dem Kirchturm oben
sitzt ein Wanderfalke
und sieht sich gründlich um.
Alle halbe Stunde läuten die Glocken.
Da erschrickt er und fliegt weg.
Muss das denn sein:
den Herrn so laut loben?
Anders ginge es leiser.

II.

Der Rollladen hat sich im Kasten verhakt.
Er will nimmer runterrollen.
Aber vielleicht haben da oben,
im Lamellenverschlag,
nur die Spatzen ihr Nest gebaut?
Da will ich dann mal nicht stören.
Rücksichtnahme schreibe ich nämlich
Groß.

III.

Eine Taube frisst einen verlorenen Schnürsenkel.
Andersherum würde ein Schuh daraus.

IV.

Der Weberknecht in meiner Küche,
der immer treulich in der Ecke saß,
lässt sich schon eine ganze Weile
nicht mehr sehn.
Ob ihm vielleicht das Weiß
der neuen Tapeten
zu stark im Auge brennt?

V.

Knutschflecke sind eigentlich
ja nur eine Love Parade
roter Blutkörperchen.
Hoffentlich war's für die
wenigstens schön.

VI.

Ein Regenwurm hängt am Angelhaken.
Eklig, vielleicht? - Aber, na ja,
andersherum sähe das ja auch blöde aus.

VII.

Ein Poller hängt schräg am Straßenrand.
Soll er sich besser mal festhalten,
sonst wird er noch angefahren.

VIII.

Ein Mäuschen liegt am Bordstein, tot,
und ein passierendes Pärchen sagt:
"Och, das arme Mäuschen"
und guckt sich dabei tief in die äugelein.
Das der Bordstein auch tot ist,
das rührt sie nicht,
die Säckchen.

IX.

Eine CD ist aus der Hülle gefallen.
Jetzt bloß nicht in die Hand nehmen
und zurücklegen.
Der CD-Spieler wittert sofort das Menschenfleisch
und verstößt die Jungen.
Die Kultur kennt da kein Erbarmen.

X.

Zum Blutspenden gehe ich nicht.
Wozu auch?
Dazu gibt's ja schließlich Stechmücken.

XI.

Das Ohr hingegen will ich lobend erwähnen,
es produziert bloß so Schmalz.
Da ist nichts bei,
mit so kleinen Wattestäbchen
ist der ruckzuck entfernt.

XII.

Noch besser ist die Symbiose
von Fingernagel und Schneidezähnen.
Zieht man den einen durch die Lücke
zwischen den anderen
stehen nachher beide reinlicher da.

XIII.

In der Kirche sehe ich nach langen Jahren
einmal wieder Jesus.
überrascht, aber nicht unfreundlich, sage ich "Hi!"
Er sagt kein Wort,
die arrogante Sau.

XIV.

In den Stricken der Wäschespinne im Hinterhof
haben sich zahlreiche Wäschestücke
und ein überreifer Apfel verfangen.
Nuja, nomen est omen
Und der Apfel fällt halt auch nicht weit vom
Stamm.

XV.

Sind in der Sahnesoße Knubbel drin,
sind das zum Beispiel Gnocchi.
Sind im Dickdarm Knubbel drin,
ist das zum Beispiel Krebs.
Beidemal sind's aber Knubbel.
Ach, die Paradoxie
selbst der vermeintlich unschuldigsten Kategorie!

XVI.

Kurz vor dem Verzehr
Springt mir das Spiegelei aus der Pfanne.
Freiheit, ok.
Aber um welchen Preis?

 

6. Pflanzen

Ist er zu dicht, fehlt es an Licht,
siehst du den Wald vor lauter Bäumen nicht.

I.

Hinter dem Zaun,
auf dem Friedhofsgelände,
wächst eine einzelne Rose.
Nur gut,
dass grade niemand stirbt.
Sonst würde sie ausgegraben
und weggeschmissen.
So ist des einen Freud
des anderen Freud.

II.

Neben meiner Parkbank blüht rosafarben
ein schulterhoher Busch.
Gut, dass ich nicht farbenblind bin,
sonst könnte ich das gar nicht sehen.
So freue ich mich der Farbe,
beziehungsweise,
wenn nur dieser Heuschnupfen nicht wäre.
Die Sinne sind halt auch nicht immer
die wahre Freude.

III.

In meinem Beet
recken die ordentlichen Tulpen
ihre Blüten jeden Tag höher hinauf.
Warum eigentlich?
Zehn Zentimeter tiefer
scheint die Sonne gleich stark.
Das Denken ist der Flora Sache nicht.

IV.

Im Vorgarten liegt heute morgen
ein altes Bügeleisen.
Irgendwo atmen Hemden jetzt auf.
Zwei Gänseblümchen aber haben es
mit dem Leben bezahlt.
War es das wirklich wert?

V.

Meinem Usambaraveilchen
geht es übrigens
heute wie gestern
ganz ausgezeichnet.
Ich weiß nicht, ist es ein Symbol
gelungener Integration?
Oder ist es bloß herzlos, das Veilchen,
weil es sich so gar nicht sehnen will
nach dem fernen Kilimandscharo?

VI.

Ein Regenwurm ohne Regen sieht aus
wie ein aufgedunsener Schnürsenkel.
Von einem Schnürsenkel hingegen,
Regen hin oder her,
gewinnt mein Gartenbeetchen
ganz und gar keine Bodenqualität.

VII.

Im Wald da sind die Räuber.
Aus dem Spreewald kommen die Gurken.
In der Spree hingegen landen die Räuber,
die alles vergurken.
Unsere Flüsse sind tief, alt und bestimmt.
Gurken hingegen bloß knackig und lecker.

VIII.

Die Grünlilie auf meinem Schreibtisch,
die wächst und wächst.
Der scheint es hier echt voll gut zu gefallen in fucking Germany
- dabei sieht sie so aus,
als käme sie aus swinging übersee.
Naja, wahrscheinlich kommt sie ja in echt
selbst auch bloß aus dem Harz.
Und bloß mein bloody racist Blick
stempelt sie ab:
Hey du, sei mal Exot.

IX.

Haben Pflanzen vielleicht doch eine unsterbliche Seele?
Ich drücke die Zigarette aus.
Naja, das Gas im Feuerzeug,
das verkokelte Streichholz,
der vergaste Tabak -
alles Pflanzenzombies,
die dann in meiner Lunge
Krebs feiern.

X.

Die Antenne auf dem Hausdach gegenüber
hat Gesellschaft bekommen
von einer Satellitenschüssel.
Ist das jetzt noch Multikulturalismus
oder schon Neoliberalismus?

XI.

Auf Tee ist übrigens auch kein Verlass.
Gerade habe ich mir daran die Zunge verbrannt.
Aber klappern mir mal die Zähne -
dann ist von Tee natürlich keine Spur zu sehen.

XII.

Auf dem nächtlichen Nachhauseweg
muss ich dringend mal austreten.
Gern hätte ich jetzt auf eine Mistkrücke gepisst,
d.h., eine von diesen Tauben.
Aber typisch Taube:
Braucht man mal eine,
ist natürlich keine da.
Stattdessen bloß eine Hecke.
Die sieht mich sehr gelangweilt an.
Klar, die kennt das halt.
Blasierte Großstadthecken.

XIII.

Als ich mein Küchenregal abstaube,
fällt mir ein Päckchen Reis um.
Steht sicher morgen in China in der Zeitung.

XIV.

Der billige Wein ist mit Plastik verkorkt.
Ok, weiß ich also,
was mit der Borke passiert -
aber was machen die bloß
aus dem Rest vom Kunststoffweihnachtsbaum?

 

7. Naturen

Alles ist Natur,
außer dem denaturierten Alkohol.

I.

Der Asphalt bröselt
nah am Straßenrand.
Nett von ihm.
So holen sich
die aufstrebenden Grashalme
keine Gehirnerschütterung.
Wir aber haben Straßenland,
Natur
und sparen Krankenkassenbeiträge.
Wenn die Welt nur immer
so eingerichtet wäre.

II.

Auf einem Poller wächst Moos,
dunkelgrün, auf einer Seite.
Naturkundigen Autos zeigt es so an,
woher der Wind weht.
Durchtriebene Natur!

III.

Der Glascontainer ist voll.
Verloren umlungern ihn
leere Flaschen.
Glückliches Glas:
Im Sommer geht es
auch ohne Dach.

IV.

Einmal ein Kondensstreif am Himmel zu sein!
- der Traum jeder Büchsenmilch.
Der Streif seinerseits friert in der Höhe.
Er schwämme lieber in warmem Kaffee.

V.

Die Hauswand schräg gegenüber
ist dicht mit wildem Wein bewachsen.
Schön. - Gefällt mir so ganz gut.
Aber - müsste es nicht heißen:
Der wilde Wein (schräg gegenüber)
ist fest mit Hauswand untermauert?
Ein Haus zu bauen,
liegt in der Natur des Menschen.
Es mit wildem Wein zu beranken,
liegt in der Natur der Natur.

VI.

Am Himmel, der volle Mond
sieht immer noch genau so aus
wie ein Stück Käse.
Dabei wissen wir doch längst,
er ist bloß Mondstaub und Mondstein.
Allmählich könnte nun auch er
mal seine Maskerade gut sein lassen.

VII.

Ungerecht geht die Natur
mit ihren Gaben um.
Zum Beispiel Vögel:
Die können fliegen,
im Gras rumlaufen,
manche sogar schwimmen.
Wir selber gehn und schaun missmutig
nach oben zu den Hühnergeiern,
nach unten zu den Hühnern,
ins Wasser zu den Blässhühnern.
Vielleicht ist's der Verdruss,
der uns das Frühstücksei
so unzart köpfen lässt?

VIII.

Ein Regentropfen prallt aufs Pflaster
und zerspringt in viele kleine Tropfen.
Wenn ich das selbe mache,
zerspringe ich nicht in lauter kleine Kinder.
Außer ich falle
auf eine Kindergartengruppe drauf.

IX.

Ein Haus braucht ein Dach;
ohne Dach wäre es eine Ruine.
Andererseits: Eine Ruine mit Dach?
Das wäre auch nicht das Wahre.

X.

Lasse ich meine Fernbedienung fallen,
dann fallen aus ihr die Batterien raus,
dann funktioniert sie nicht mehr.
Lasse ich die Batterien fallen,
fällt aus ihnen nichts raus,
und sie tun danach immer noch.
Strom ist dicker
als Schalter.

XI.

Ich hab mir ein Nasenhaar ausgerissen.
Das tat weh.
Aber was soll's
- besser ein Ende mit Schmerzen,
als Warzen auf den Händen.

XII.

Meine Uhr,
die besserwisserische Sau,
geht vor.
Und der arme Einstein
dreht sich jetzt wahrscheinlich
im Grabe um.

XIII.

Ist eigentlich schon einmal
eine Haftnotiz verhaftet worden?
Nein, nicht?
Schade,
eine überschrift weniger für die B.Z.

XIV.

Haben Sie eigentlich schon mal gesehen,
dass jemand einen Taschenrechner
aus der Tasche zog?
Ich jedenfalls nicht.
Andererseits,
lassen wir doch mal fünf gerade sein:
Hauptsache ist doch,
es stimmt,
was hinten bei rauskommt.

XV.

Wenn's mich am Kopf juckt,
kratze ich.
Wenn meine Lenden jucken,
aber nicht.
Körper und Geist, die versteh mal einer,
die beiden ollen Arschgranaten.

XVI.

Hilft Anti-Schuppen-Shampoo
eigentlich auch gegen Heuschnuppen?
Ja,
außer man ist gegen allergik.

XVII.

Auf RTL kommt Werbung.
Auf RTL2 auch.
Ich bin auf dem Klo.
Angeschissen.

XVIII.

Links oben am Himmel,
die kleine Wolke,
sieht ganz so aus
wie eine kleine Wolke.
Verhageln uns nicht nur den Salat,
die Biester,
machen dann auch noch auf Mimikry.

XIX.

Draußen im kahlen Baum
Hockt eine fette Amsel.
So ungerecht ist die Welt:
Sie muss hier übergewichtig werden
und frieren im schwarzen Overall,
während die Blätter der Buche
in den Süden geflogen sind
und dort nackten Menschen
die Scham kaum verhüllen.

XX.

An einer Hauswand steht gesprayt:
"Kein Mensch ist illegal."
Stimmt schon.
Mit meinem Edding schreibe ich drunter:
"Kein Mensch ist Sternzeichen Krebs".
Wir werden ja alle nur gemacht.

XXI.

Heute ist schon wieder nichts vom Himmel gefallen.
Beschwere ich mich jetzt bei den Journalisten?
Oder bei Wim Wenders persönlich?

XXII.

Sehr vernünftig, dass die Natur
so unterschiedliche Lebenssphären eingerichtet hat.
Wenn ein Ziegel vom Dach fällt,
geht unten gerade selten wer vorbei,
dem er dann auf den Ko pf fiele.
Wenn Leute vom Dach springen,
andererseits,
fallen sie ihrerseits
auch höchst selten auf Dachziegel drauf.

XXIII.

Wenn ein abgeschnipptes Stück Fingernagel,
als letzter Strohhalm sozusagen
ein ganzes Leitungsnetz verstopfen kann,
was erst,
man stelle es sich vor,
kann dann ein Stückchen Zehennagel,
pflatsch,
schmeißt man es einfach so vollrohr
mitten in einen Ozean hinein?

XXIV.

Falls Dich jemand fragt,
wo denn das Positive bleibe,
dann sag:
"Sehr geballt treten Gieskannen
auf Friedhöfen auf."
Und verschweig,
das man sie scharenweise auch
im Baumarkt und im Gartencenter sieht.

 

P.S.: Dichten

Dichten ist das halbe Leben;
die andere Hälfte: Elfmeter vergeben.

I.

Mein Wasserkocher kocht nicht mehr,
er hat sich abgeschaltet.
Mir gibt er damit zu verstehen,
das Wasser sei erkaltet.

 

Martin Bartholmy
Mein mittlerer Kochtopf
Gedankenlyrik
105 Z 1.081
ISBN 978 3 9803911 7 7
1. Aufl. 2002
Paperback, 52 S., 10.00 EUR
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kleiner Fisch

 

ANIKKÄNBRÖ & KNETEMELK
© 1999-2014 Beat Karotin jr.

 

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